Vor einiger Zeit habe ich auf dem alten Flugplatz in Bornheim zugeschaut, wie ein Vater mit seiner Tochter Fahrradfahren übte. Es war lustig anzusehen, wie sie wild drauflos strampelte und der Vater gebückt hinterherlief und sie am Gepäckträger festhielt.
Nach einer Weile wurde das Mädchen immer sicherer und der Vater kurzatmig. Es schien bald, als würde er sich am Gepäckträger festhalten und irgendwann konnte er nicht mehr. Er musste loslassen und seine Tochter fuhr plötzlich alleine Fahrrad. Da hatte sie es gelernt. Sie ist an dem Nachmittag ein paar Mal gefallen, aber immer seltener und nie so, dass sie nicht danach wieder losgefahren wäre.
Ich glaube, sie hätte viel früher alleine Fahrradfahren können, wenn der Vater sich getraut hätte, früher loszulassen. Es ist für Eltern schwer loszulassen. Schließlich fallen die Kinder tatsächlich und manche verlieren dann womöglich zu früh den Mut. Aber anders kann man eben Fahrradfahren nicht lernen. Mit dem Schwimmen, dem Laufen und vielem anderen ist es ähnlich. Ich muss es üben, ich brauche Hilfe, aber dann muss ich mich trauen und meist muss es mir jemand zutrauen.
Ich glaube, Gott ergeht es mit uns vergleichbar. Er traut uns offenbar zu, dass wir unser Leben selbständig führen können, obwohl wir oft genug Fehler machen und uns und unserer Umwelt Schaden zufügen. Eigentlich hätte Gott viele Gründe uns weniger Freiheiten zu lassen. Offensichtlich will er das aber nicht.
Die Bibel benutzt ein für mich anrührendes Bild, das eines Adlers. In der Bibel wird Gott mehrfach mit einem Adler verglichen (2. Mose 19, 4; 5. Mose 32,11) bezeichnet. Adler (und andere Vögel) bringen ihren Jungen das Fliegen bei, indem sie sie aus dem Nest stoßen, sobald sie flügge sind. Sie wissen, wann die jungen Vögel in der Lage sind zu fliegen und das vermitteln sie ihnen dadurch. Allerdings sind die Adlereltern auch nicht sorglos. Sie fliegen nämlich unter ihren Jungen her und fangen sie mit ihren Fittichen auf, sobald eines fällt.
Was für ein schönes Bild für die Beziehung, die Gott zu uns hat. Er lässt uns die Freiheiten im Leben, die wir brauchen, traut uns viel zu und schenkt uns ebenso die Fürsorge, die wir auch brauchen. Für mich bedeutet dieses Bild, dass ich für mein Leben selbst verantwortlich bin, dass ich die Möglichkeiten und Chancen, die ich habe, auch nutzen soll und dass ich mich oft genug auch etwas trauen muss. Es bedeutet für mich aber ebenso, dass ich Gott immer um Rat fragen kann, dass ich mich hilfesuchend an ihn wenden kann, wenn ich Trost brauche oder verzweifelt bin. Dann spüre ich, dass ich ihm nicht egal bin, sondern dass er sich liebevoll um mich sorgt, auch wenn ich mein Leben selbst gestalten muss und darf.
Ihre Pfarrerin Ulrike Mey,
Ev. Christuskirche, Bad Vilbel