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Perfekt inszeniert – Premiere „Shockheaded Peter – Der Struwwelpeter“ in der Burg

Skurril, witzig und grotesk und schon gar nicht „pädagogisch wertvoll“ – so zeigt uns Anne Simmering im Burgkeller die schwarze Seite des 1844 geschriebenen Bestsellers „Der Struwwelpeter“. Ihre Mission: Die Befreiung aller traumatisierten Leser. Anne Simmering und die begleitende Band unter Leitung von Markus Höller überzeugen nachhaltig.

Bad Vilbel. „So etwas habe ich noch nicht erlebt“, „das geht unter die Haut“ oder „was diese Frau kann“ sind die Stimmen der Premierengäste, als sie die Vorstellung verlassen. Und in der Tat, Regisseur Egon Baumgarten hat alle Register gezogen. Die Premiere von Shockheaded Peter war perfekt inszeniert.

Spannung wird vom ersten Moment an aufgebaut, als Anne Simmering als Direktor auftritt, um dem Publikum die grausamen Einzelschicksale der Struwwelpeterfiguren aufzuzeigen. Sie spricht verzerrt und dann wieder ganz normal, sie säuselt und miaut, sie schreit und flüstert, sie singt in allerhöchsten Tönen, und dann wieder in tieferen Tonlagen, wechselt von Deutsch auf Englisch.

Der Zuschauer wird komplett in ihren Bann gezogen, und das ganze 70 Minuten lang und obwohl die Geschichten des Struwwelpeters doch allen bekannt sind. Doch Anne Simmering informiert auch über die Hintergründe: „Die Mutter ist gleichgültig, der Vater trinkt, kein Wunder, wenn das Kind nach Aufmerksamkeit sucht und zündelt.“

Als Eltern wird man dann schon nachdenklich. Der Spieß wird zeitweise umgedreht, die Kinder im Stück sind die Opfer, nicht die ungehorsamen Täter! Simmering wechselt ständig die Perspektive, so dass jede Szene einzigartig dargestellt wird. Es gibt nur eine Gemeinsamkeit: Am Ende sterben alle „Ungehorsamen“. Für alle gibt es ein symbolisches Kreuz, das je nach Tragik und Anzahl der Toten klein oder größer ausfällt.

Trotz der Schwere des Stoffes gibt es auch viel zu lachen. Schwarzer Humor und maßlose Übertreibungen stehen im Vordergrund. Besonders witzig ist etwa kurz vor Ende des Stückes die „Bekehrung“ der Zuschauer. Anne und die Band bieten als Struwwelpeter-Traumatisierungs-Experten den Zuschauern befreiende Gespräche an. „Sprechen Sie mit uns, Sie werden unbeschwert die Bühne verlassen, ganz ohne Struwwelpetertrauma.“

Wer Theaterkunst mit schwarzem Humor erleben möchte, sollte unbedingt die Vorführung ansehen. Die Kostüme und das Bühnenbild sind ebenso außergewöhnlich wie die Darbietung. Multitalent Anne Simmering und das perfekte Zusammenspiel mit der Band unter Leitung von Markus Höller machen den Abend unvergesslich.

Die nächsten Aufführungen von „Shockheaded Peter – der Struwwelpeter“ sind am Samstag und Sonntag, 16., 17. Juni. Am Samstag geht es um 23 Uhr los, am Sonntag um 21 Uhr. Karten im Kartenbüro unter Telefon (06101) 559455 und unter www.kultur-bad-vilbel.de/burgfestspiele.