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Raus mit dem Verkehr!

Gleich drei Karbener Stadtteile profitieren von der Nordumgehung

Nicht nur seit der Umleitungsstrecke: Viel Verkehr fließt seit Jahrzehnten in Okarben durch enge Straßen wie die Großgasse. Foto: den
Nicht nur seit der Umleitungsstrecke: Viel Verkehr fließt seit Jahrzehnten in Okarben durch enge Straßen wie die Großgasse. Foto: den

Die große Entlastung soll die Nordumgehung für Groß-Karben bringen, wenn sie am 8. November eröffnet wird. Doch auch Menschen in weiteren Stadtteilen werden dann spüren, dass der Verkehr abnimmt. Für Okarben sind die Pläne zur Entlastung sogar mehr als 80 Jahre alt.

Karben. Manch ein Anwohner in Okarben fühlt sich derzeit auf eine harte Probe gestellt. Weil die B 45 in Nieder-Wöllstadt in Richtung Niddatal seit Monaten gesperrt ist, rollt mehr Verkehr mitten durch die engen Gassen.

„Wir spüren eine starke Zunahme des Verkehrs“, räumt Bürgermeister Guido Rahn (CDU) ein. Die Stadtpolizei hat gemessen. „Die Zahl der Fahrzeuge hat zugenommen, aber das durchschnittliche Tempo ist zurückgegangen“, so Stadtpolizist Jörg Witzenberger. 95 Prozent der Wagen seien mit Tempo 30 in Okarben unterwegs.

Durch die engen Gassen fließt sowieso schon immer viel auswärtiger Verkehr. Über den Klingelwiesenweg und via Okarben lässt sich die Bundesstraße 3 von Burg-Gräfenrode aus schnell erreichen. So sparen sich Fahrer Staus in Karbens Zentrum. Diese Wahl zwischen Stau und engen Gassen muss niemand mehr treffen, sobald es die Nordumgehung gibt. „Sie wird für Okarben eine deutlich spürbare Entlastung bringen“, sagt Guido Rahn. Autos können dann via Umgehung zur B3 rollen. Damit dürfte es in der Großgasse, der Untergasse, der Tränkgasse deutlich ruhiger werden als bisher.

Die Entlastung haben sich die Okarbener verdient. Wohl in keinem anderen Stadtteil sind die Ideen, den Verkehr aus dem Ort herauszuhalten, so alt wie hier. Das sichtbare Zeichen dafür steht am Heilighäuser Ring: das in massiven Beton gegossene Fragment der „Nazi-Brücke“, das über die Gleise der Main-Weser-Bahn führt.

Bereits 1936 wurde der Bau der Überführung für Okarben beschlossen. Der Zweite Weltkrieg verhinderte jedoch die Vollendung des Bauwerks. Über den genauen Nutzen der Brücke wird bis heute spekuliert. Klar ist: Die Brücke sollte die Gleise überwinden und einen Anschluss an die westlich davon verlaufende Reichsstraße – die heutige B3 – schaffen. Eine Brücke als Bahn-Querung war ein in den 1930er-Jahren sehr moderner Gedanke.

Blockiert für eine mögliche Straßenführung wird diese Brücke erst, als die Stadt den Bau von zwei Wohnhäusern am Heilighäuser Ring erlaubt – auf der bis dahin freigehaltenen Straßentrasse. Dabei war der Heilighäuser Ring zwischen Friedensstraße und Hauptstraße schon extra breit gebaut worden. Das ist bis heute gut sichtbar.

Übrigens: Allein wegen seiner Bauzeit den Torso „Nazi-Brücke“ zu nennen, findet Experte Edgar Breitbach, früherer Mitarbeiter des ehemaligen Hessischen Straßenbauamtes in Gießen, wenig gelungen. „Beim Straßenbauamt nannten wir die Brücke ,Soda-Brücke‘ – weil sie halt nur ,so da‘ stand.“ Erst 80 Jahre nach dem Bau der ersten Brücke erhält Okarben jetzt mit der Nordumgehung seine Zufahrt über eine Brücke.

Die größte Entlastung durch die Umgehung werden die Groß-Karbener spüren. Um bis zu drei Viertel soll die Verkehrsmenge auf der Bahnhofstraße sinken. Das hat auch Auswirkungen auf den Verkehr im Stadtzentrum: Hier soll die Verkehrsmenge leicht sinken, wenigstens um zehn Prozent. Klein-Karbener und Rendeler werden das spüren: Die Ampel an der Gehspitze kann auf längere Grünphasen für den Verkehr der Homburger Straße umgestellt werden. (den)

Besitzer unbekannt


Der Okarbener Brücken-Torso hat keinen Besitzer. Weder das Land Hessen noch die Stadt oder die Deutsche Bahn sehen sich als Eigner, wie eine Recherche der Frankfurter Neuen Presse im Jahr 2011 ergab. Notgedrungen hält die Bahn das Bauwerk in Schuss, damit für den Zugverkehr keine Gefahr besteht. Sobald die S6-Strecke in den nächsten Jahren viergleisig ausgebaut wird, muss das Land als Bauherr den Torso abreißen. (den)